Ich bin nach Berlin gefahren für ein Vorstellungsgespräch
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Zugfahrt nach Berlin
Es ist Sonntag, 9 Uhr morgens, und ich sitze im Zug nach Berlin. Eine fünfstündige Fahrt steht mir bevor, die ich mit essen, lernen und Musik hören fülle. ‘Hilf mir, Business Grundlagen innerhalb einer Stunde anzueignen’ fragte ich die KI.
Nach einer Weile gebe ich das Konzentrieren auf und drifte in einen Zustand zwischen dösen und entspanntem Wachsein.
Als der Zug schließlich in den Berliner Ostbahnhof einrollt, greife ich zu meinem Koffer und steige aus.
Mit der Sonne im Gesicht schlendere ich vorbei an schlafenden Obdachlosen. Müll liegt schamlos an jeder Ecke. Menschenmassen kommen mir entgegen und ich lasse die unterschiedlichen Sprachen und verschiedensten Kleidungsstile auf mich wirken.
Langsam steigt die Neugierde, wie es wohl wäre, hier zu leben.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Lieferanten aus Köln, den ich letzte Woche für einige Stunden bei einer Hospitation begleitete. B, junger Bursche Anfang 20, derzeit auf der Suche nach einer Ausbildung. Aufgewachsen in Berlin, seit ein paar Jahren in Köln. Auf meine Frage was er an Berlin am Meisten vermisse, gab er drei Punkte an:
- Die Anzahl an Parks und die Tatsache, dass sie nachts beleuchtet sind
- Gute, gemütliche Bars.
- Mit der U-Bahn fahren.
U-Bahn fahren, fragte ich ihn ungläubig?
Ja man. Mit der U7 oder U8. Da ist immer etwas los. Es wird nie langweilig.
Er grinste schelmisch.
Berlin ist eine Stadt voller Paradoxe, umrankt von unterschiedlichsten Erzählungen.
Was mich am Meisten reizt, ist das Motto ‘leben und leben lassen’.
Die Stadt ist groß genug für jede noch so kleine Subkultur oder Nischeninteresse.
Ziehen Menschen hierhin um etwas zu finden oder um vor etwas wegzulaufen?
Kann man hier ankommen ohne sich selbst zu verlieren?
Oder verliert man sich um anzukommen?
Tag des Interviews
Mein Interview ist für 13 Uhr angesetzt.
Nach einer ausgeruhten Nacht im Hostel stehe ich extra früh auf und gehe eifrig noch ein paar Interviewfragen durch. Eine Stunde bevor ich losmuss, springe ich unter die Dusche und mache mich fertig. Obwohl der Office-Vibe als T-Shirt-Kultur dargestellt wurde, habe ich meinen grauen Blazer dabei, der meine Kombi mit blauer Jeans und weißen Sneakers aufwerten wird.
Besser overdressed als underdressed beim ersten Eindruck.
Meine Schuhe sind noch leicht nass von der Reinigung am Tag zuvor und hektisch setze ich mich noch kurz in der Sonne im Park zum Trocknen.
Angekommen laufe ich mit zwei Mitarbeiterinnen, die gerade das Gebäude betreten, wie selbstverständlich in den Aufzug. Oben angekommen bin ich auf einmal zu schüchtern, die beiden zu fragen, wo es lang geht und Gott sei Dank werde ich direkt gefragt (der Blazer hat mich verraten), ob ich zum Bewerbungsgespräch da bin.
Ich bejahe erleichtert, und wie der Zufall es will, läuft meine Recruiterin genau in diesem Moment an uns vorbei und nimmt mich freundlich entgegen. Sie führt mich in den Meetingraum, wo ich die nächsten drei Stunden verbringen werde.
Zwei Team Leads sitzen schon bereit, zwei sympathisch aussehende Frauen, wahrscheinlich nur wenig älter als ich. Nach einer kurzen Officetour und dem Vorbereiten von Snacks und Wasser geht’s dann auch schon los.
Die erste Stunde bestand aus diversen Persönlichkeitsfragen und einer Aufgabe, ein den Beteiligten unbekanntes Thema in drei min zu erklären (ich improvisierte irgendwas über den Handstand) und wir kamen relativ schnell rum.
Nach der Pause ging es weiter mit fachlichen Fragen und kleineren Case Studies, wo mein Denkprozess notiert wurde. Ich gab alles, mein Gehirn lief auf Hochtouren. Ich versuchte angestrengt anhand der Gesichtsausdrücke abzulesen ob ich in der Nähe der richtigen Antwort lag.
Es war wie ein Tanz im Minenfeld - immer obacht, Zweifel oder Unwissenheit nicht zu sehr zu zeigen, und gleichzeitig mit einer Selbstsicherheit auf Hinweise eingehen und sich leiten lassen.
Irgendwann hatte mein Gehirn Schwierigkeiten die hohe Flut an Informationen auf höchste Effizienz getrimmt zu verarbeiten. Auch waren die Fragen auf einer Art gestellt, die mich regelmäßig aus dem Konzept brachten. Ich spürte, wie sich (potentiell richtige) Antworten als Pipeline in meinem Gehirn stauten - oftmals wollten sie leider nicht so raus, wie ich es gerne gehabt hätte.
Mit etwas Distanz nehme ich sehr viele Learnings mit: vor allem, dass ich mir noch mehr Zeit lassen darf mit den Antworten und auch wenn die Atmosphäre insgesamt sehr entspannt war, ich mich nicht zu sehr entspannen darf. Es war und bleibt immer noch eine Interview Situation.
In den Pausen schnackten wir beiläufig über die Unternehmenskultur und ich befragte sie zu ihrem persönlichem Wohlbefinden was das Arbeiten anging. Es wurde viel gelacht und ich bin mir sicher, dass ich sie zumindest auf menschlicher Ebene überzeugt habe.
Bleibt abzuwarten ob das fachliche genauso gut gewirkt hat und ich mein Potential als neugierige, schnell lernende, motivierte Kandidatin genug zeigen konnte.
Wir verabschiedeten uns freundlich und mir wurde noch eine gute Heimreise morgen gewünscht.
Nach dem Interview fühle ich mich komplett high. Es ist, als wäre die Welt für die Zeit, in der ich mich im Fokusvakuum befand, kurz stehen geblieben. Die Sonne hängt noch prall im Himmel als ich das Office verlasse, und ich beschließe einen 1h zu Fuß entfernten Park aufzusuchen, um langsam wieder bei mir selbst anzukommen und das Erlebte zu verarbeiten.
Souveränität war mein Wort des Tages und ich habe 100% mein Bestes gegeben um diesem gerecht zu werden.
Kennst du dieses Gefühl der Leere und Glückseligkeit, ob nach einer intensiven Trainingsession oder einer Präsentation, wo du alles gegeben hast, du weißt, dass du stolz auf dich sein kannst und für eine Weile einfach nur schwebst?
Ich bin extra nach Berlin gefahren für dieses Interview, habe mich tagelang darauf vorbereitet - und auch wenn es nicht perfekt lief, fühle ich nur Stolz und lasse ihn meinen Körper durchfluten.
Ein ungewohnt schönes Gefühl nach Monaten von Existenz-/Zukunftsängsten.
Wo ich in bis zu fünf Bewerbungsverfahren gleichzeitig steckte und so viele unbekannte Variablen präsent waren. Meine Energie war komplett verstreut.
Dieses harte Fokussieren auf einen einzigen Zweck (wenn auch für eine kurze Zeit) gibt mir so viel Energie.
Ich habe meinen Part gespielt.
Alles weitere überlasse ich dem Universum.
Im Park angekommen rufe ich kurz Dad an und gebe ihm ein kurzes Update, bevor ich ein paar Nachrichten beantworte.
R hatte mir am Vorabend viel Erfolg gewünscht und ich entgegne mit einer kurzen Dankesnachricht und frage sie nach ihrem Tag.
Wir haben uns erst vor kurzem beim Training kennengelernt und uns schließlich öfter mal zum gemeinsamen Trainieren getroffen.
Ich schätze ihre Aufmerksamkeit sehr, denn das ist es was mir bei Long-Distance Freundschaften und oberflächliche Bekanntschaften so sehr fehlt: dass man sich alltägliche Kleinigkeiten des anderen merkt und sich aktiv meldet.
Ich lasse den Abend ausklingen mit einer Halloumitasche und einer Yin Yoga / Gongsession, wobei ich 80% der Stunde geschlafen habe.
Bestimmt war das auch das Ziel der Stunde.
Tag 2
Am nächsten Morgen beschließe ich, vor meiner Abfahrt mittags noch einen Abstecher zu einem Calisthenics Park neben einem Fluss zu machen.
Als ich um 8.30 Uhr ankomme, ist es schon längst hell und die frische Luft wird durch die ersten warmen Strahlen erwärmt. Drei Typen sind schon fleißig am Trainieren und würdigen mich keines Blickes, als ich meine Sachen ablege.
Ich wärme mich ausreichend auf und teste meine Schultern - beim Trampolinspringen letzte Woche bin ich etwas unglücklich auf die rechte Schulter gelandet und kuriere mich lieber aus, bevor ich die Zerrung - auch wenn sie leicht ist - in die Länge ziehe.
Diesen Park habe ich vor ziemlich genau einem Jahr entdeckt bei meinem letzten Kurztrip nach Berlin. Damals war ich im Rahmen der beruflichen Neuorientierung ua. auf Web3 und Blockchain gekommen und habe die Blockchain Eventwoche in Berlin als Anlass zum Networking genutzt. Auch wenn die Szene interessant wirkte, waren die Eintrittsmöglichkeiten als Neuling in der Bubble nahezu unmöglich und ich konzentrierte mich - nachdem ich alle alternativen Möglichkeiten von Englisch/Deutsch/Yogalehrerin in Asien, Fitnessinfluencerin, Kleinunternehmerin, Movement-Lehrerin durchgespielt habe - wieder zurück auf einen ‘traditionellen’, sicheren Job.
Wie dem auch sei, lernte ich bei einer Session in diesem Park damals M kennen, Halb-Deutscher, Halb-Indoneser, Movement-Coach, der mir viele gute Handstand-Tipps mitgab.
Wir trainierten, quatschten und spazierten entlang des Flusses über viele Stunden hinweg. Seine Leidenschaft für Bewegung und Spiritualität fügte sich meiner. Wir vernetzten uns auf Instagram und abgesehen von gelegentlichen Story-Likes blieben wir nicht weiter in Kontakt.
Er tauchte heute nicht auf.
Da ich nun meinen Account gelöscht habe, ist eine Kontaktaufnahme unmöglich.
Fühlt sich seltsam beruhigend an - in einer Welt des Daueronlineseins - solche besonderen Begegnungen weiterhin im Herzen tragen zu dürfen, ohne dass ein zweites Kapitel geschrieben werden muss.
Nach einer Weile habe ich die Anlage heute komplett für mich alleine. Ich stelle mir vor, wie ein Zeitraffer von diesem Park wohl aussehen mag:
täglich Hunderte von Menschen, die sich hier einfinden, zusammen oder alleine trainieren.
Wie aus Fremde Bekannte werden und schließlich vielleicht sogar Freunde.
Während die Bäume und Pflanzen ihre Farben wechseln und die Tiere uns zwischen Nestbau und Futtersuche beobachten.
Ich beobachte die Jogger und Fahrradfahrer, die vor der Arbeit noch schnell ihre Runden drehen.
Der Park liegt nicht weit vom Office entfernt.
Ich könnte mir absolut vorstellen, regelmäßig vor der Arbeit hierher zu kommen.
Aber noch erlaube ich es mir nicht, zu viel übers Ankommen zu träumen.
Wir Menschen sind Meister darin, Lücken mit Fantasien zu füllen.
Ich habe zu viel geträumt im letzten Jahr und wurde immer wieder aufs Neue mit einer gänzlich anderen Realität konfrontiert.
Ich lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt - das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel, die frische Brise.
Ich atme tief ein, umschließe lächelnd die Stange über mir mit beiden Händen, spanne meinen Körper an und starte meinen nächsten Satz.